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Morten Wehland arbeitet als Ackerbauberater bei Bioland. Zudem ist er Teil des Projektteams rund um den Modell-Acker. Im Interview erläutert er den Wert von praktischen Erfahrungen für die Beratungsarbeit und wie die Auswahl der Kulturen für den Modell-Acker erfolgte.

Warum brauchen wir einen Modell-Acker? Welche Erkenntnisse sollen dort gewonnen werden? Und welche Möglichkeiten ergeben sich aus dem Projekt?

In der Beratung treffen wir immer häufiger auf Anfragen von Landwirten zu ganz speziellen Kulturpflanzen, mit denen auch wir Berater bislang wenig Berührungen hatten. In diesen Fällen müssen wir uns häufig auf Informationen aus der Literatur oder auf die Erfahrungen des bundesweiten Beraternetzwerkes stützen. Die Kunst einer guten Beratung ist dabei, diese Informationen und praktische Tipps auf die örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Denn was beispielsweise im Allgäu gut funktioniert, muss noch lange nicht auf einem niedersächsischen Geeststandort klappen. Aus diesem Grund wäre es sehr bereichernd, wenn wir in Niedersachsen mehr Wissen über den ökologischen Anbau von Sonderkulturen generieren und als Berater selbst praktische Erfahrungen in ihrem Anbau sammeln könnten. Denn keine Wirtschaftsweise ist so divers und experimentierfreudig wie der Ökolandbau. Die ökologisch wirtschaftenden Landwirte überraschen mich immer wieder aufs Neue mit ihrer ungebremsten Lust auf neue Kulturen und Verfahren. Eine Beratung in diesem Bereich macht unheimlich viel Spaß, bedeutet jedoch, selbst aktiv werden zu müssen und Neues auszuprobieren. Im Anschluss gilt es, unsere Erfahrungen mit den Landwirten zu teilen - und auch über das zu sprechen, was nicht geklappt hat beziehungsweise noch ausbaufähig ist.

Ein weiterer Aspekt ist der Klimawandel, den unsere Landwirte immer stärker zu spüren bekommen. Die Durchschnittstemperatur steigt, Extremwetterereignisse nehmen zu. Wir müssen in die Zukunft schauen und uns der Frage stellen, welche Kulturen unter diesen veränderten Bedingungen angebaut werden und gegebenenfalls andere, die ihnen nicht so gut gewachsen sind, ersetzen können.

Wie groß ist der Modell-Acker eigentlich?

Der Riepholmer Modell-Acker ist vorerst auf eine Flächengröße von 5,5 ha geplant. Sofern in den nächsten Jahren ein Anbau weiterer Kulturen, andere Vorfrüchte oder die Erprobung neuer Verfahren geplant ist, stehen weitere 20 ha direkt neben den Parzellen zur Verfügung.

Und wie soll er bearbeitet werden?

Auf dieser Fläche sollen im Frühjahr 2022 fünf Kulturen auf Parzellen von je einem Hektar angebaut werden. Zwischen den Parzellen sollen Grasstreifen angesät werden, um Interessierten genügend Platz für eine ausführliche Besichtigung der Parzellen zu ermöglichen. Sofern es möglich ist, sollen die Kulturen auf den Parzellen über die Jahre rotieren. Auf der Fläche stand mehrjähriges, extensiv genutztes Kleegras. Im Herbst 2021 wurde nach dem Umbruch eine Zwischenfrucht etabliert. In die praktische Umsetzung ist Olaf Wilkens vom Bioland Betrieb Wilkens eingebunden. Wilkens beschäftigt sich schon seit langem mit Sonderdruschfrüchten, mit ihm können wir auf eine sehr wertvolle und langjährige Erfahrung in diesem Bereich zurückgreifen. Ergänzend dazu steht unser Bioland Vorstandsmitglied Albert Haake mit seiner Expertise zur Seite. Alle Arbeiten auf den Parzellen werden akribisch festgehalten, um diese im Nachhinein diskutieren zu können und gezielte Anpassungen in den nächsten Jahren vorzunehmen. Denn auch für uns wird es ein fortlaufender Lernprozess werden.

Welche Kulturen sind im ersten Jahr geplant?

Für das erste Jahr haben wir den Anbau von Sonnenblume, Öllein, Schwarzkümmel, Linsen und grünen Erbsen geplant. In Zukunft können wir uns außerdem den Anbau von Buchweizen, Quinoa, Rispenhirse oder Nachtkerze vorstellen. Bei der Auswahl haben wir natürlich auch immer ein offenes Ohr, welche neuen Kulturen für die Landwirtinnen und Landwirte, die Verarbeiter, den Handel beziehungsweise für die Verbraucherinnen und Verbraucher zukünftig interessant sein könnten.

Wie kam es zur Wahl dieser Kulturen?

Einerseits vernehmen unsere Handelspartner eine gesteigerte Nachfrage nach den Produkten dieser Kulturen. Andererseits ist deren Anbau, Ernte und Nacherntebehandlung nicht immer einfach und die erforderlichen Verfahren häufig nicht gerade von der Stange. So ist der Öllein sehr konkurrenzschwach gegenüber Beikräutern und gleichzeitig recht empfindlich gegenüber des Blindstriegelns. Weiter erfordert beispielsweise die Ernte einiger Kulturen eine geschickte Einstellung und eine eventuelle Modifikation des Mähdreschers. In Zeiten des Klimawandels ist es außerdem unsere Aufgabe, Kulturen zu finden, die für diese Veränderungen gewappnet sind und ggf. auch von der Klimaerwärmung in unseren Breiten profitieren können. So haben sich die Perspektiven des Sonnenblumenanbaus durch den Temperaturanstieg in Niedersachsen verbessert. Weiter sind Linsen und Öllein Kulturen geplant, die auch mit trockeneren Bedingungen gut zurechtkommen.

Könntest Du dir weitere positive Nebeneffekte des Modell-Ackers vorstellen?

Auf jeden Fall, der Modell-Acker macht Bioland ein stückweit sichtbarer in der Region und ermöglicht uns einen besseren Austausch mit den Landwirtinnen und Landwirten sowie mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Durch die Anbauparzellen und die Gespräche vor Ort ist der Austausch sehr praxisnah und gehaltvoller. Man kann innerhalb einer Fläche verschiedenste Sonderkulturen besichtigen und sich beispielsweise bei Feldtagen mit anderen Praktikern und Verarbeitern in diesem Segment vernetzen.

Für uns als Berater schafft der Modell-Acker außerdem die Möglichkeit, weitere Themenfelder zu erforschen. So können wir beispielsweise im gleichen Zuge unterschiedlichste Zwischenfruchtmischungen beobachten, denn ein Zwischenfruchtanbau erfolgt ohnehin vor den Sommerungen. Außerdem könnte ich mir die Erprobung von Untersaaten bei einigen Kulturen in den kommenden Jahren gut vorstellen. Zusätzlich wollen wir z. B. die Entwicklung des Humusgehaltes unter der angewendeten Bewirtschaftungsweise im Auge behalten. So können wir auch feststellen, in wie weit wir einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels mit diesen Kulturen leisten können.

Außerdem ist der Riepholmer Modell-Acker eine tolle Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu zeigen, was wir bei Bioland machen und wofür wir stehen. Dafür wollen wir den Modell-Acker ja in den vorbeiführenden Wanderweg der Nordpfade mit einbinden und auf Tafeln die Thematik anschaulich erklären. Die Nordpfade sind beliebte und viel frequentierte Wanderwege durch Norddeutschland. So kann sich jede und jeder Interessierte, der oder die vorbeikommt, informieren – auch wenn gerade niemand von uns persönlich vor Ort ist.

Mehr Interviews finden Sie in den folgenden Beiträgen:

Interview mit Bioland Geschäftsführerin Dr. Yuki Henselek

Interview mit Bioland-Landwirt Olaf Wilkens

Interview mit Landwirtin Nadia Bremer