Nadia Bremer (links) mit Yuki Henselek bei der Eröffnung des Modell-Ackers
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Die 25 ha Acker-Flächen, auf denen der Riepholmer Modell-Acker beheimatet ist, gehören zum Biohof Bremer. Im folgenden Interview erklärt Nadia Bremer, wie die Idee zu dem Praxisprojekt entstanden ist, wie das Vorhaben finanziert wird und die Auswahl der Sonderkulturen erfolgte.

Was ist Deine persönliche Motivation für dieses Projekt?

Ich habe Anfang 2020 einen wunderbaren Betrieb übernommen. Seit den 80ern werden die Flächen durchgehend ökologisch bewirtschaftet. Das ist wirklich etwas ganz besonderes. In den letzten Jahren wurde der Betrieb im Nebenerwerb geführt und die Bewirtschaftung immer extensiver. Das hat natürlich vor allem für die Umwelt auch große Vorteile. Zugleich ist jedoch der Ertrag gesunken und auch die Erlöse bei dem für unseren Betrieb typischen Futter- und Roggenanbau gingen zurück. Die Trockenheit der Jahre 2019 und 2020 hat es zusätzlich schwierig gemacht, wirtschaftlich zu arbeiten. Leider muss man ja davon ausgehen, dass es zukünftig nicht unbedingt besser wird.

Um meinem Betrieb eine Zukunftsperspektive zu geben, muss ich mir also etwas einfallen lassen. Ein weiter so mit den üblichen Kulturen wird nicht mehr lange gut gehen. Ich muss etwas anderes anbauen bzw. eine Nische für meinen Betrieb finden. Bei einer Fläche von insgesamt 60 ha Acker- und Grünland und vergleichsweise sehr geringen Bodenpunkten kommt man wirtschaftlich auch nicht über die Größe oder Menge. Das heißt: Ausprobieren. Möglichst viele unterschiedliche Kulturen und dabei Erfahrungen und Wissen erlangen und mit etwas Glück eine Zukunftsperspektive auftun.

Mir war klar, dass ich nicht der einzige Betrieb bin, der an diesem Punkt steht. Und im Austausch mit Bioland habe ich schnell den Entschluss gefasst, dieses Vorhaben nicht alleine anzugehen, sondern gemeinsam mit und auch für andere. Besonders wichtig finde ich, auch die vermeintlichen Laien mitzunehmen. Die Landwirtschaft ist für viele Verbraucherinnen und Verbraucher so etwas Abstraktes und zum Teil auch Böses geworden. Hier gilt es zu vermitteln.

Die Idee zum Modell-Acker war geboren. Wie war dann die Umsetzung?

Sowohl die Entwicklung der Idee als auch die tatsächliche Ausgestaltung des Projekts war ein langer Prozess. Viele Richtungen wurden gedanklich eingeschlagen und Ansätze wieder verworfen. Bis dann irgendwann ein Konzept stand. Ich glaube, dass sich in der Praxis noch viele Stellschrauben und notwendige Entscheidungen offenbaren werden. Wichtig war uns ein zeitnaher Beginn, wir wollen ins Handeln kommen.

Viele erwarten die Beteiligung von wissenschaftlichen Institutionen und verweisen auf Fördergelder, die für ähnliche Projekte angeboten werden. Warum verzichtet Ihr auf beides?

Das sind zwei Punkte, über die wir lange und intensiv diskutiert und zu denen wir viel recherchiert haben.

Um ehrlich zu sein, waren es vor allem die Aspekt Zeit und Unabhängigkeit, die uns davon abgehalten hat. Wie beschrieben war es ein langer Prozess bis zum jetzigen Zeitpunkt und noch immer sind viele Fragen offen. Zur Beantragung von Fördergeldern hätte man früh viele Details festlegen müssen. Meistens ist die Bewilligung sehr langwierig. Wir hätten ggf. mit der inhaltlichen Arbeit warten müssen. Auch die Dokumentation zur Mittelverwendung ist meist sehr aufwendig. Zeit, die uns für uns Planungs-, Feld- und Kommunikationsarbeit später fehlt. Wir möchten das Projekt gerne weniger als klassisches Forschungsprojekt, als vielmehr als ein Praxis- oder Modellprojekt im normalen Betriebsalltag durchführen. Dazu gehören auch spontane Reaktionen auf sich ändernde oder anders eingeschätzte Rahmenbedingungen. Das ist in einem (geförderten) Forschungsprojekt mit einem wissenschaftlichen Rahmen einer entsprechenden Institution durchaus schwierig, da Abweichungen des ursprünglich geplanten Weges in der Regel zuvor freigegeben werden müssen und nicht selten die Finanzierung gefährden. Wir wollen im Projektverlauf reagieren können, wie ein Landwirt*in real reagiert und nicht, wie es eine genehmigte Projektskizze vorgibt.

Klar ist aber auch, dass wir derartige Entscheidungen natürlich dokumentieren, begründen und auswerten. Die Integration von Forschungseinrichtungen hätte zudem weitere Kosten verursacht – seien es auch nur Reisekosten etc.

Es war daher eine durchaus bewusste Entscheidung von mir und Bioland, dieses Projekt möglichst unabhängig von öffentlichen Förderungen - mit Ausnahme der klassischen Agrarsubventionen, die ich wie alle aktiven Betriebe auch für diese Flächen erhalte - durchzuführen.

Wie erfolgt dann die Finanzierung?

Über mein wirtschaftliches Risiko sowie Sponsoren. Natürlich hoffen wir, dass wir mit den angebauten Kulturen auch Erlöse generieren werden. Wenn man ehrlich ist, sind diese jedoch gerade am Anfang wahrscheinlich schon aufgrund der erwarteten Mindermengen eher gering und stehen einem erheblichen Aufwand gegenüber. Die Art und die  Vielfalt der Kulturen sorgen für zeitlich und inhaltlich unterschiedliche Arbeitsschritte. Das ist teuer. Und auch nach der Ernte entstehen durch die geringen Mengen hohe Kosten beim Trocknen, Reinigen, Verpacken, Lagern und Ausliefern. Nach unseren Kalkulationen kommen wir auf rund € 15.000 Kosten pro Jahr und sind auf zusätzliche Gelder angewiesen. Umso glücklicher sind wir, dass wir einen großen Teil der Summe für das erste Jahr durch Sponsorengelder gesichert haben. Auch für das zweite Jahr liegt eine erste Zusage vor. Allerdings können wir noch gut weitere Geldgeber gebrauchen, um unser Vorhaben wie geplant umzusetzen. Auch über private Geldgeber und kleine Summen freuen wir uns sehr!

Wie kam es zu der Auswahl der Kulturen?

Zunächst hat Bioland die eigenen Beraterinnen und Beratern befragt. Welche Sonderkulturen werden vermehrt seitens der Betriebe angefragt, welche empfinden sie selber als zukünftig relevant oder interessant? Für welche Kulturen ist die Erfahrungslücke besonders hoch.

Anschließend haben wir in einer großen Runde diskutiert. Zunächst sind Kulturen gestrichen worden, die angesichts der Bodenbedingungen des Modell-Ackers besonders niedrige Chancen haben. Dann wurde geschaut, welche Mechanisierung benötigt und was vor Ort vorhanden ist. Auch die Perspektive der Endkunden und verarbeitende Unternehmen wurde berücksichtigt. So steigt zum Beispiel die Nachfrage nach Erbsen und Linsen aus regionalem Bio-Anbau. Dann sollte für möglichst viele Betriebe etwas Spannendes dabei sein, Ölpflanzen, Leguminosen …

Wenn man ehrlich ist, fiel uns die Auswahl sehr schwer. Am liebsten würden wir noch viel mehr ausprobieren. So habe ich zum Beispiel entschieden eine der gestrichenen Kulturen – den echten Buchweizen - direkt neben der Schaufläche anzubauen. Wer weiß, vielleicht ergänzen wir in den kommenden Jahren den Anbau. Ich weiß, dass die Nachtkerze eine große Fangemeinde hat. Am Ende müssen wir jedoch auch sehen, dass wir uns nicht verzetteln.

Und worauf freust Du Dich am meisten?

Ich kann es kaum erwarten, den Acker zu sehen, wenn alle Kulturen i Frucht stehen. Das ist glaube ich ein toller Moment. Dann hoffe ich auf viele Besucher unseres Lehrpfades und spannende Gespräche am Feldrand.

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